Kräuter und ihre Geheimnisse

Viel Wissenschaft & ein wenig Zauberpoesie

Kategorie: Kräuter im Portrait

Die Rosskastanie

Die Samen der Kastanie sind ein hervorragendes Venenmittel.

Wozu braucht es Meister Propper, wächst doch im Garten die Rosskastanie?

In der Tat: Die glänzend-braunen Samen der Rosskastanie können nicht nur Putzmittel ersetzen, sondern genauso Schampoo, Waschmittel und Duschgel. Sie enthalten, ähnlich wie Seifenkraut, sehr viele Saponine. Schüttelt man ein Gefäß mit zerkleinerten Stücken der Samen, bildet sich ein stabiler Schaum. Seine Haupt-Eigenschaft: Er setzt die Oberflächenspannung von Flüssigkeiten herab. Dadurch können sich Wäsche und Wasser sehr viel besser durchdringen als ohne diesen Zusatz. Schmutz löst sich, die Wäsche wird sauber. Einziger Nachteil: Rosskastanien duften nicht. Aber ein paar Tropfen ätherisches Öl beheben dieses Manko.

Die Saponine in der Rosskastanie sind es auch, die sie zu einer wichtigen Heilpflanze machen. Aescin, eine Mischung aus 30 verschiedenen Triterpensaponinen der Rosskastanie, wirkt gefäßverstärkend, gefäßabdichtend (antiexsudativ), schützt vor Ödemen (Blutstau), steigert die Spannkraft der Venen (venentonisierend) und ist entzündungshemmend. Darum ist Rosskastaniensamenextrakt eines der wichtigsten Mittel bei Venenleiden. Die Kommission E empfiehlt Kastanien ausdrücklich bei chronisch venöser Insuffizienz, bei Wadenkrämpfen, Juckreiz und Beinschwellungen. Auch vor langen Flugreisen empfehlen die Autoren des “Leitfadens” Rosskastaniensamen, um Venenproblemen vorzubeugen. Manche Untersuchungen legen nahe, dass die Wirkung der Rosskastanie ähnlich effektiv sein kann wie Kompressionsstrümpfe. (Cochrane, 14. 11. 2012)

Kastanien können mächtige Bäume werden.

Entscheidend bei der Behandlung von Venenleiden ist der Aescin-Gehalt der gewählten Medikamente. Schilder u.a. empfehlen eine Tagesdosis von 100 mg. Verwendet werden innerlich ehanolisch-wässrige Extrakte (zwei mal täglich 250 bis 312,5 mg) in retardierter (verzögerter) Darreichungsform. Bei der inneren Anwendung werden in Einzelfällen Juckreiz, Übelkeit, Magenbeschwerden als Nebenwirkungen beobachtet, Kontraindikationen sind keine bekannt. Alternativ oder ergänzend zur innerlichen Einnahme können äußerlich Salben mit Rosskastanienextrakt oder reinem Aescin verwendet werden. Selbstmedikationen bei der innerlichen Einnahme sollten unterbleiben, denn Rosskastanien sind bei Überdosierung schwach giftig. “Es kommt zu Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen. Nach Literaturangaben wurden Hautrötung, weite Pupillen, Angstgefühle und Schläfrigkeit nach Roßkastaniengenuß beobachtet”, heißt es auf der Internetseite der Informationszentrale gegen Vergiftungen. Tropfen für den äußerlichen Gebrauch können dagegen selbst hergestellt werden. Ein Rezept für ein Venenspray gibt es im Tinkturenbuch von Rudi Beiser und Helga Ell-Beiser. In der Schwangerschaft und Stillzeit sollte Rosskastanie nicht verwendet werden, da es keine entsprechenden Untersuchungen gibt. Menschen, die Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung einnehmen, sollten sich vor der Verwendung von Rosskastanienextrakt mit ihrem Arzt beraten. Die Saponine der Rosskastanie dürfen auf keinen Fall in die Blutbahn gelangen, da schon geringe Dosen die roten Blutkörperchen zerstören können. Darum ist bei Geschwüren im Magen und im Darm Vorsicht geboten.

Kastanienknospen kurz vor dem Aufgehen

Ein paar Takte zur Geschichte: Erst ab dem 16. Jahrhundert verbreitete sich die Kastanie in Europa, ab dem 18. Jahrhundert wurde sie zum Modebaum für Alleen und Parks, im 19. Jahrhundert kam sie in die “Volksgärten” und ist heute noch Wahrzeichen eines jeden anständigen Biergartens. “Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die gesamten in Europa angepflanzen Kulturbäume der Gewöhnlichen Rosskastanie von den 1576 nach Wien mitgebrachten Samen abstammen”, heißt es bei Wikipedia.

So verbreitet der Baum in Mitteleuropa mittlerweile ist – sein Bestand ist alles andere als gesichert. Die Rosskastanienminiermotte, die die Blätter befällt, breitet sich seit den 80er Jahren aus und schwächt die Bäume. Und seit einigen Jahren befällt das Bakterium Pseudomonas syringae pv. aesculi die Rinde. Es kann ganze Bäume zum Absterben bringen, effektive Gegenmaßnahmen fehlen. “Die ersten Großstädte kapitulieren bereits und pflanzen kaum noch nach”, heißt es in “Spiegel online” vom 2. November 2016.

Dabei ist die Kastanie – die übrigens nichts mit der essbaren Edelkastanie zu tun hat außer einer oberflächlichen Ähnlichkeit der Samen – wohl neben Tanne und Fichte der beliebteste Baum in Mitteleuropa. In jedem Biergarten stehen Kastanien, in jedem Kindergarten wird mit ihnen gebastelt, Jäger und Zoos verfüttern sie an Wildtiere, Schreiner nutzen ihr Holz. Früher färbte man mit Blättern und Rinde der Kastanie Schafwolle. Und angeblich nutzten die Engländer in beiden Weltkriegen Kastanien, um aus ihnen Aceton zu gewinnen, das zur Herstellung eines Sprengstoffs diente.

Was wäre ein Frühling ohne die Blütenkerzen der Kastanie?

Auf die letztgenannte Nutzung könnte man getrost verzichten. Aber nicht nur für die Medizin, nicht nur für die Putzteufel unter dem umweltbewussten Hausfrauen wäre das Verschwinden der Kastanie ein unersetzlicher Verlust. Denn was wäre ein Frühling ohne die leuchtend-weißen, duftenden Blütenkerzen des Baumes, ein Herbst ohne die glänzend-braunen Samen in ihren grün-stacheligen Schalen?

Langweilig!

 

 

 

Literatur:

Beiser, Rudi, Ell-Beiser, Helga: Heilpflanzen-Tinkturen, Stuttgart 2017

Bühring, Ursel: Praxislehrbuch Heilpflanzenkunde, Grundlagen-Anwendung-Therapie Stuttgart 2014

Grünwald, Jörg, Jänicke, Christof: Grüne Apotheke, München 2015

Schilcher, H., Kammerer, S., Wegener, T.: Leitfaden Phytotherapie, München 2010

Links:

www.arzneipflanzenlexikon.info

www.wikipedia.org

www.cochrane.org

www.cochranelibrary.com

www.baumpflegeportal.de

www.gizbonn.de

http://wirksam-oder-unwirksam.blogspot.com

www.utopia.de

www.smarticular.net

www.taz.de 11. März 2008

www.venen-liga.de

Öle, Lauge und Duft: Seifensieden

Seifensieden macht Spaß, ist spannend und lädt zum Experimentieren ein mit Düften, Farben und Kräutern.

Natürlich braucht es erst ein wenig Theorie. Bücher zum Thema gibt es genug. Ich habe mir die Anleitung von Claudia Kasper mit dem Titel „Naturseife – das reine Vergnügen“ ausgesucht (Freya-Verlag 2019). Das Buch informiert über Grundlagen der Seifenherstellung, hat aber auch zahllose Rezepte mit praktischen Hinweisen. Ich habe mich am Rezept für die Salbei-Rosmarin-Seife mit Olivenöl orientiert. Allerdings habe ich diesmal nur Rosmarin verwendet, denn ich hatte noch Rosmarinhydrolat, das ich anstelle des destilierten Wassers verwendet habe. Und es hat geklappt: Die Seife, die jetzt noch vier Wochen reifen muss, duftet intensiv nach Rosmarin.

In einer solchen Holzkiste reift die Seife 24 Stunden lang. Danach hat sie die richtige Konsistenz zum Schneiden.

Und so geht es:
Weil ich sehr viel Rosmarin im Garten habe, habe ich zunächst etwa drei Hände voll klein geschnittener Rosmarinnadeln in einem Liter Olivenöl bei etwa 70 Grad eine halbe Stunde lang ausgezogen. Gleichzeitig habe ich drei Esslöffel Nadeln so fein wie möglich gehackt und in etwas Olivenöl eingeweicht.

Für die Seifenbereitung habe ich dann 270 Gramm Ätznatron (heißt auch Natronlauge, Natronhydrat, chemische Formel: NaOH) in Pulverform abgewogen und in 660 Gramm Rosmarinhydrolat aufgelöst (wer kein Hydrolat hat, nimmt destilliertes Wasser). Achtung: Immer das Laugenpulver in die Flüssigkeit geben, niemals umgekehrt. Bei dieser Prozedur sind Gummihandschuhe, eine dicke Schürze und eine Schutzbrille für die Augen unverzichtbar, denn die Lauge ist sehr ätzend. Immer Essig zum Neutralisieren und klares Wasser zum Ausspülen griffbereit haben, falls doch mal ein Spritzer danebengeht. Nur mit Edelstahltöpfen oder Emailletöpfen arbeiten, da die Lauge zum Beispiel Aluminium angreift. Die Flüssigkeit wird sehr heiß, sie muss, um sie weiterzuverarbeiten, unter gelegentlichem vorsichtigen Rühren auf Zimmertemperatur abkühlen.

Währenddessen das Olivenöl abseihen und abkühlen lassen. 300 Gramm Kokosöl und 300 Gramm Palmöl – beides sind, obwohl Öle genannt, Fette, die bei Zimmertemperatur fest sind – in einem Topf schmelzen lassen. Das Olivenöl, 300 Gramm Rapsöl und 100 Gramm Sonnenblumenöl zugeben, alles gut verrühren. Die Ölmischung sollte etwa 35 bis 40 Grad heiß sein. Nun langsam unter Rühren die Laugenmischung zugeben. Dabei den Schutz tragen! Wenn die Mischung mit dem Löffel gut verrührt ist, mit einem Stabmixer so lange weiterrühren, bis die Mischung die Konsistenz eines dünnen Puddings hat. Bei mir hat das etwa 20 Minuten gedauert.
In diesen Seifenpudding werden jetzt die eingeweichten Rosmarinnadeln und ätherisches Rosmarinöl unter langsamem Rühren zugegeben. Wieviel Rosmarinöl man verwenden will, ob man es mit anderen ätherischen Ölen mischt, bleibt dem persönlichen Geschmack überlassen. Wer  Seifen mit kleinen Bitzeln nicht mag, lässt einfach die Roismarinnadeln weg.

Diesen Seifenpudding, der zu diesem Zeitpunkt senfgelb ist, habe ich dann in eine Holzform gegossen, die mein Mann mir geschreinert hat und die ich vorher mit Frischhaltefolie ausgekleidet habe. Alternativ eignen sich wohl auch Plastikformen, insbesondere Silikonformen.  Diese Form habe ich in eine dicke Decke eingepackt, denn die Seife entwickelt in diesem Stadium Wärme, die möglichst lange zusammengehalten werden soll (außer bei Milchseifen).

Der Trockenapparat für Kräuter eignet sich auch für Seifen.

Ergebnis nach 24 Stunden: Die Seife in der Holzform war so fest, dass sie nun in handliche Stücke geschnitten werden konnte. Der äußere Rand war tief dunkelgrün, während die Seife innen noch gelblich war.

Das war vor einer Woche. Seither werden die Seifenstücke immer grüner und riechen angenehm nach Rosmarin. Sie müssen nun noch etwa fünf Wochen reifen. Ich habe sie dafür in meinen Kräutertrockenapparat gepackt, der aus gazebespannten Holzrahmen besteht. An einem trockenen und luftigen Ort trocknen sie nun weiter.

Zaubern mit Diptam

Diptam: Eine Tinktur daraus hat Hermine Granger immer in der Handtasche. Als sie und ihre Freunde Harry Potter und Ron Weasley nach ihrem Ritt auf dem blinden Drachen nach dem Einbruch in die Gringottsbank ziemlich lädiert sind, betupft sie damit die Wunden, es raucht ein bisschen – und schon sind die Narben weggezaubert. In der rationalen Phytotherapie gilt der Diptam heute nicht mehr als Heilmittel. Schließlich kann er wegen seines hohen Alkaloidgehalts auch giftige Wirkungen entfalten. Im Mittelalter dagegen wurde Diptamwurzel gerne gegen allerhand Gebresten genutzt – unter anderem gegen Menstruationsbeschwerden und zur Verhütung.

Auch heute noch werden auf dem Markt, vor allem von Händlern, die auf Hildegardprodukte spezialisiert sind, Mischungen angeboten, in denen Diptam enthalten ist. Der Pflanze werden schleimlösende, krampflösende, antibakterielle und harntreibende Wirkungen zugeschrieben. In der Homöopathie wird Diptam eingesetzt in Präparaten gegen unregelmäßige Periode, Magen-Darm-Beschwerden und stinkenden Stuhl.

Diptam im Kräutergarten Gengenbach

Ein anderer Name für den Diptam ist übrigens „brennender Busch“. Bei entsprechendem Wetter sondert die bis zu einem Meter hohe Pflanze so viele ätherischen Öle ab, dass sie entzündet werden können. Diptam kommt in Europa nur noch sehr selten vor und ist streng geschützt.

Der intensiv duftende Kaltkeimer kann jedoch recht gut kultiviert werden. Er braucht einen sonnigen, trockenen Standort und verträgt keine Staunässe. Die Pflanze enthält Furanocumarine und kann an sonnigen Tagen bei empfindlichen Personen Verbrennungen auf der Haut hervorrufen. Und er verlangt Geduld: Nach der Aussaat kann es Jahre dauern, bis die Pflanzen blühen. Aber wer weiß: Vielleicht geht es ein wenig schneller, wenn man bei der Aussaat zaubert?

Weblinks:

https://medlexi.de/Diptam#

https://www.hauenstein-rafz.ch/de/pflanzenwelt/pflanzenportrait/stauden/Diptam-Dictamnus-albus.php

 

 

Brennnesseln: Raue Schale, heilsamer Kern

Brennnesseln wachsen überall, und das ist auch gut so. Denn das Kraut, das beim Pflücken unangenehm brennt, ist ein Allheilmittel für allerlei große und kleine Gebresten. Sogar gegen „der frawen ihr blödigkeit“ (Schüchternheit) empfiehlt sie der alte Kräuterheilkundige Leonhart Fuchs in der frühen Neuzeit.

Der Brennnessel  schreibt man heutzutage nicht mehr ganz so viele Zauber-Eigenschaften zu. Aber bei Beschwerden der ableitenden Harnwege und der Prostata, bei Nierengrieß, bei Arthritis und Arthrose und bei spröder Haut gelten die große und die kleine Brennnessel, die ähnlich wirken, den Wissenschaftlern auch heute noch als probates Heilmittel. Dabei ist die Brennnessel fast ohne Nebenwirkungen. Nur Menschen mit eingeschränkter Herz- oder Nierenfunktion sollten sie meiden.

Am bekanntesten ist die Wirksamkeit der Brennesselkrauts als Aquaretikum – also als wassertreibendes Mittel – bei Harnwegsinfekten und Reizblase, die auf den Flavonoiden in den Blättern und auf dem hohen Mineralgehalt der Pflanze beruht. Vor allem der Kalium- und Kalziumgehalt und der Gehalt an Kieselsäure ist hoch und sorgt dafür, dass die Harnwege gut durchgespült und damit krankmachende Keime ausgeschwemmt werden. Daneben wirken Flavonoide – vor allem Quercetin- und Kämpferolabkömmlinge – antientzündlich.  Die Tagesdosis bei Harnwegsbeschwerden beträgt acht bis zwölf Gramm Droge als Tee. Oder man nimmt dreimal täglich einen Esslöffel Frischpfanzenpresssaft. Auch Fertigarzneimittel stehen zur Verfügung. Und natürlich lassen sich aus der Brennnessel, eventuell in Kombination mit anderen Blasenpflanzen, sehr gute Tinkturen herstellen. Wichtig: Zusätzlich zum Medikament muss viel getrunken werden!

Doch die Brennnessel kann noch viel mehr: Caffeoylchinasäuren und insbesondere die Kaffeoyläpfelsäure und selten vorkommende ungesättigte Fettsäuren in der Pflanze wirken entzündungshemmend und beeinflussen insbesondere chronisch-entzündliche Prozesse positiv. Deshalb wird die Brennnessel als begleitendes Medikament zur äußerlichen und innerlichen Anwendung bei rheumatischen Beschwerden empfohlen – bis hin zum Schlagen schmerzender Gelenke mit Brennnesselbüscheln oder zum Wälzen in Brennnesseln, wie es hartgesottene Schwarzwaldbauern, häufig krumm vor Gliederschmerzen, schon vor Jahrhunderten praktizierten. Schilcher u.a. empfehlen zur innerlichen Therapie bei Arthritis im „Leitfaden Phytotherapie“ insbesondere Brennnessel-Mus aus gedämpften Blättern, da dieses ganz besonders viel Caffeoyläpfelsäure enthält. Auch bei Arthrose scheinen Wirkstoffe der Brennnessel zu helfen.

Erst in jüngerer Zeit erforscht wurde die Wirksamkeit der Brennnesselwurzel (Urticae radix). Ein ganzer Cocktail aus Wirkstoffen – unter anderem Phytohormone wie Beta-Sitosterol – sorgt dafür, dass die Blasenentleerung bei gutartiger Prostatavergrößerung der Stufen I und II deutlich besser gelingt. Schilcher u.a. empfehlen standardisierte Fertigarzneimittel, am besten kombiniert mit Sägepalmenfrüchten.

 

Aber auch aus der Wildpflanzenküche ist die Brennnessel nicht wegzudenken. Wegen ihres hohen Mineralstoffgehalte – neben Kalium und Kalzium vor allem auch Eisen – ist sie ausgesprochen gesund. Sie ist eine der wenigen Pflanzen, die fast rund ums Jahr in der Küche nutzbar sind. Im Frühjahr bieten die jungen Brennnesseln das erste Grüngemüse und erste Salate, im Sommer sind die Triebspitzen weiterhin dafür nutzbar, und im Herbst lassen sich die Samenkörner ernten, die heute unter dem Stichwort „Superfood“ gerne geröstet über ein Müsli oder einen Salat gestreut werden. Wichtig zu wissen: Das lästige Brennen lässt sich durch Kochen, heißes Überbrühen oder mechanisches Quetschen abstellen. War die Brennnessel in Notzeiten ein beliebtes Arme-Leute-Essen, so hält sie mittlerweile Einzug in die Sterneküche. Und auch für die Schönheit hat die Brennnessel viel zu bieten: Als Spülung macht sie das Haar schön, allerdings nur bei Brünetten. Blonde sollten vorsichtig sein. Bei ihnen droht ein Grünstich.

Jahrtausendealt dürfte auch die Verwendung der zähen Brennnesselstängel für die Herstellung von Seilen und Textilien sein. In einem dänischen Hügelgrab wurde ein Tuch gefunden, das aus dem heutigen Österreich stammt und aus Brennnesselfaser gewebt war. Seile und Fäden aus Nesseln wurden wohl seit der Mittelsteinzeit verwendet. „Ötzi“ hatte die Federn an seinen Pfeilen mit Nesselfasern festgebunden. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurden Brennnesseln gezüchtet, die sich besonders für die Textilherstellung eignen. Später verdrängte die Baumwolle den Nesselstoff. Doch noch im Zweiten Weltkrieg wurden Uniformen zum Teil aus Nessel hergestellt. Seit einigen Jahren erlebt die Brennnessel eine Renaissance, als ökologisch sinnvolle Alternative zur Baumwolle. Die schwäbische Textilfirma Mattes und Ammann aus Meßstetten etwa experimentiert damit in größerem Maßstab. Der ökologische Vorteil: Brennnesseln brauchen, im Gegensatz zur Baumwolle, keine künstliche Bewässerung und keine Pflanzenschutzmittel.

Und dann gibt es natürlich noch die Brennnessel in Garten und Landwirtschaft. Als Brühe eingesetzt, ist sie biologisches Stärkungs- und Schädlingsabwehrmittel, als Jauche billiges und wirksames stickstoffhaltiges Düngemittel. Für die Jauche werden Brennnesseln in einen Eimer oder ein Fass gefüllt, mit Wasser übergossen und täglich umgerührt. Die Brennnesseln gären und geben ihre Inhaltsstoffe an das Wasser ab. Nach drei Wochen kann das Kraut auf dem Komposthaufen entsorgt werden. Die Jauche wird eins zu zehn mit Wasser verdünnt als Düngemittel eingesetzt. Das Ergebnis ist so überzeugend, dass es in Frankreich 2005 zum Brennnesselkrieg kam. Die Jauche – und die Information zu ihrer Herstellung – wurden verboten, ehe nicht eine offizielle Marktzulassung, für die aufwendige Studien nötig gewesen wären, vorläge – die Düngemittellobby lässt grüßen. Erst 2011 wurde dieses absurde Verbot aufgehoben. Dabei war es ein Franzose, der dazu beitrug, die guten Wirkungen der Brennnessel überhaupt unter die Leute zu bringen. In Victor Hugos Roman „Die Elenden“ lehrt ein Fremder die notleidende Dorfbevölkerung, was sich mit dem Kraut alles zaubern lässt: „So lange sie jung sind, liefern die Brennnessel-Blätter ein vorzügliches Gemüse; später enthalten sie Fasern und Fäden wie der Hanf und der Flachs. Gehackt geben Brennnesseln ein gutes Fressen für das Geflügel ab; zerrieben für das Hornvieh. Dem Viehfutter beigemengt, bewirkt Brennnessel-Samen, dass die Haut der Tiere einen schönen Glanz bekommt, mit Salz vermischt, erzeugen Brennnessel-Wurzeln eine schöne gelbe Farbe. Außerdem ist es ein gutes Heu, das man zweimal mähen kann. Und was braucht die Brennnessel? Wenig Platz, gar keine Abwartung und Pflege. Nur dass der Same nach und nach, sobald er reif geworden, zur Erde fällt und schwer einzusammeln geht. Aber weiter auch nichts. Wollte man sich bloß ein klein bisschen Mühe geben, so würde man aus den Brennnesseln großen Nutzen ziehen; man vernachlässigt sie aber, und da wird ein Unkraut daraus. Dann rottet man sie aus. Mit vielen Menschen macht man’s freilich nicht besser. Merkt Euch, Freunde! So was wie Unkraut gibt’s nicht, ebenso wie’s auch keine schlechten Menschen gibt. Man versteht bloß nicht mit dem Kraut und den Menschen richtig umzugehen.«

Literatur:

Leitfaden Phytotherapie. H. Schilcher, S. Kammerer, T. Wegener, 4. Auflage München 2010

Dr. Jörg Grünwald/Christof Jänicke: Grüne Apotheke, München 2015

Dr. Nadine Berling-Aumann, Die besten Heilpflanzen bei Blasenentzündung und Reizblase, Kindle-E-Book

Rudi Beiser/Helga Ell-Beiser: Heilpflanzen-Tinkturen. Stuttgart 2017

Schneider/Beiser/Gliem: Wild- und Heilkräuter, Beeren & Pilze finden, Stuttgart 2016

Monika Wurft: Mein Wildkräuterbuch, Stuttgart 2017

Stephanie Faber: Das Rezeptbuch für Naturkosmetik, Wien-München-Zürich 1974

Sepp Holzers Permakultur, Graz-Stuttgart 2008

Leonhard Fuchs: Das Kräuterbuch von 1543, herausgegeben von Klaus Dobat und Werner Dressendörfer, Köln 2017

Victor Hugo: Die Elenden. Projekt Gutenberg. Übersetzt von G.A. Volchert

Web-Links:

http://www.ema.europa.eu/ema/index.jsp?curl=pages/about_us/general/general_content_000264.jsp

https://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Zulassung/zulassungsarten/besTherap/amPflanz/mono.html

https://buecher.heilpflanzen-welt.de/BGA-Kommission-E-Monographien/

https://www.koop-phyto.org

https://www.zentrum-der-gesundheit.de

https://www.rumoro.de/garten/articles/der-brennesselkrieg-in-frankreich.html

www.wissenschaft.de

Ein Sonnenkind für die Haut: Die Ringelblume

Die Ringelblume -lateinisch: Calendula officinalis – ist die Hautblume par Excellence. Bei Sonnenbrand, bei gereizter Haut, bei Schürf-, Schnitt- und Stichwunden sind Ringelblumensalbe oder Ringelblumentinktur – letztere bei offenen Wunden – das Mittel der Wahl. In der Volksheilkunde wird die Ringelblume auch innerlich in Tees gegen Magen-, Darm- und Menstruationsbeschwerden verwendet. Ist sie dafür auch nicht das erste Mittel der Wahl, macht sie sich in Teemischungen jedoch gut als Schmuckdroge. Die gelben und orangefarbenen Einjährigen, die sich gerne selbst versamen, leuchten im Garten bis zum Frost. Für medizinische Zwecke verwendet man am besten die orangefarbenen Blüten, denn sie enthalten mehr Carotinoide als ihre gelben Verwandten. Neben diesem Stoff sorgen Triterpensaponine, Flavonoide, Hydroxycumarine, Polysaccharide und ätherische Öle für die Heilwirkung. Während man früher nur die Zungenblüten verwendete, nimmt man heute die ganzen Blütenköpfe, denn auch Kelchblätter und Röhrenblüten enthalten viele wertvolle Stoffe. Achtung: Wie alle Korbblütler können auch Ringelblumen bei empfindlichen Personen Allergien auslösen.

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